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Aufmerksamkeit und Leistung

Zitiervorschlag: Kopp, S. (2026). „Aufmerksamkeit und Leistung“. Abgerufen von URL: https://wsd-bw.de/doku.php?id=wsd:selbststaendiges_leben:themenfeld:theorien_lernen:aufmerksamkeit

Grundlegend beschreibt Aufmerksamkeit die Offenheit für einen Wahrnehmungsraum. Dieser kann in der äußeren Umwelt oder innerhalb innerer Verarbeitungs- und Erinnerungsprozesse liegen. Aufmerksamkeit ist demnach ein Prozess, bei dem sich die Wahrnehmung einem kleinen, markanten Aspekt zuwendet.

Welcher Aspekt das ist, hängt von den Interessen der Person und ihren Vorerfahrungen ab, welche im Langzeitgedächtnis gespeichert sind (siehe Wissensrepräsentationen und Arbeitsgedächtnis nach Baddeley).

Kurz gesagt:

  • Aufmerksamkeit sind Bewusstseinsressourcen, die auf Bewusstseinsinhalte gerichtet werden.
  • Bewusstseinsinhalte umfassen Wahrnehmungen der Umwelt, Gedanken, Gefühle und eigenes Handeln.
  • Aufmerksamkeit wird sichtbar durch Konzentrationsfähigkeit.
  • Aufmerksamkeit ist eine wesentliche Voraussetzung für den Aneignungsprozess, für das Lernen.

Aufmerksamkeit ist in erster Linie eine Leistung der mentalen Funktionen. Verschiedene Hirnareale sind an der Aufmerksamkeit beteiligt. So verfügt das Gehirn über parallel arbeitende Systeme wie beispielsweise perzeptuelle Systeme, motorische Systeme und die zentrale Kognition. Jedes dieser Systeme hat sogenannte Flaschenhälse. Das bedeutet, dass zwei Informationen für ein und dasselbe System nicht parallel bearbeitet werden kann. Es muss eine Selektion stattfinden: die Kontrolle der Aufmerksamkeit.
Hierfür aktiviert das Gehirn Regionen, die die Aufmerksamkeitskontrolle übernehmen. Diese Aufmerksamkeitskontrolle wird sichtbar in der Konzentration einer Person. Was wir selektieren bzw. worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken, ist zum einen bestimmt von reizgetriebenen Faktoren (exogen) und zum anderen von zielgetriebenen Faktoren (endogen).

Zitiervorschlag: Grafik „Einflussfaktoren auf die Selektion und Lenkung der Aufmerksamkeit“ von Kopp, S. (2026). Abrufbar unter URL: https://wsd-bw.de/lib/exe/fetch.php?cache=&media=wsd:selbststaendiges_leben:themenfeld:theorien_lernen:aufmerksamkeit, CC BY-SA 4.0

Menschen können nicht zwei verschiedenen Bereichen in den höheren kognitiven Funktionen gleichzeitig ihre Aufmerksamkeit widmen: Sie können nicht ein Gespräch führen und gleichzeitig eine mathematische Ableitung vornehmen, aber sie können während des Gesprächs Notizen dazu machen. An zwei Dinge gleichzeitig zu denken ist nicht möglich, jedoch multiple perzeptuelle Modalitäten gleichzeitig oder in verschiedenen motorischen Systemen multiple Handlungen auszuführen hingegen schon, wie laufen und dabei die Arme kreisen.
Aufmerksamkeit ist ein Sammelbegriff für verschiedene Subkategorien, die die kognitiv-psychologischen Theorien beschreiben (siehe Abbildung: Kategorien der Aufmerksamkeit). Lernen, bewusstes Üben und Leistungen aller Art erfordern viele Kategorien der Aufmerksamkeit für jede Person.

Euker und Kuhl (2016) verweisen auf eine Metaanalyse, die zu dem Ergebnis kommt, dass die Aufmerksamkeitsleistungen bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung am ehesten auf dem Niveau der allgemeinen kognitiven Entwicklung liegen. Somit besteht keine besondere Schwäche bei globaler Aufmerksamkeitssteuerung. Allerdings kommt es in Teilbereichen der Aufmerksamkeit zu beobachtbaren Schwierigkeiten, wie Sarimski (Euker und Kuhl 2016) festgestellt hat:

  • Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen benötigen eine längere Inspektionszeit, um Reize zu fokussieren und zu verarbeiten.
  • Es fällt ihnen zudem schwerer, Reaktionen auf irrelevante Reize zu hemmen.

Menschen mit komplexer Behinderung zeigen sehr häufig neurologische Schädigungen und weitere Gesundheitsprobleme, wie Schlafprobleme, und sind daher um ein Vielfaches mehr gefordert, Aufmerksamkeit herzustellen und in diverser Form aufrechtzuerhalten. So wurde in einer Studie von Vera Munde (2016) beschrieben, dass Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen eine wellenförmige Aufmerksamkeit zeigen, die wie folgt beschreibbar ist:
Zunächst ist die Aufmerksamkeit auf die Umgebung gerichtet. Danach findet die Verarbeitung statt und die Personen wirken in sich selbst gekehrt. Anschließend erfolgt eine Phase des leichten Schlafes, um die Anstrengung zu kompensieren und sich dann wieder der Umgebung widmen zu können.

Die ob genannten Studien zeigen auf, dass die Aufmerksamkeit bei allen Menschen mit sowohl strukturellen Veränderungen als auch funktionalen Veränderungen im Nervensystem und im Gehirn beeinträchtig sein kann. Die beiden dargestellten Personengruppen können exemplarisch verstanden werden.

Zitiervorschlag: Grafik „Übersicht: Kategorien der Aufmerksamkeit“ von Kopp, S. (2026). Abrufbar unter URL: https://wsd-bw.de/lib/exe/fetch.php?cache=&media=wsd:selbststaendiges_leben:themenfeld:theorien_lernen:aufmerksamkeit, CC BY-SA 4.0

Aufmerksamkeit ist eine notwendige Bedingung für schulisches Lernen und Leistung im Allgemeinen. Dieses Wissen um die Bedeutung der Aufmerksamkeit für die Leistung aller Art verweisen auf allgemeinen didaktischen Maßnahmen für alle Lernenden.

Zitiervorschlag: Grafik „Allgemeine Konsequenzen für die Didaktisierung“ von Kopp, S. (2026). Abrufbar unter URL: https://wsd-bw.de/lib/exe/fetch.php?cache=&media=wsd:selbststaendiges_leben:themenfeld:theorien_lernen:aufmerksamkeit, CC BY-SA 4.0

Aufmerksamkeit ist folglich ein zentraler Baustein für Leistung. Sich selbst zu organisieren, Anforderungen zu begegnen und zu lernen ist vor allem eine kognitive Leistung. Leistungen werden als Ergebnis von Prozessen oder Aktivitäten verstanden, die auf der Grundlage von Wissen, Volition und Fertigkeiten gezeigt werden. Kurz gesagt: Leistung bildet sich in den Kompetenzen einer Person ab.
Ist die Aufmerksamkeit gesichert, bestimmen weitere Faktoren die Leistung. Das Modell der leistungsbestimmenden Faktoren von Marzano (2001 in Trolldenier 2010) ist für die pädagogische Praxis und für die Begleitung in ein selbstständiges Leben gut anwendbar. Es erläutert den Zusammenhang zwischen Zielfindung, Motivation und notwendigem Wissen und dessen Anwendung.

Zitiervorschlag: Grafik „Modell leistungsbestimmender Faktoren nach Marzano (2001)“ von Kopp, S. (2026). Abrufbar unter URL: https://wsd-bw.de/lib/exe/fetch.php?cache=&media=wsd:selbststaendiges_leben:themenfeld:theorien_lernen:aufmerksamkeit, CC BY-SA 4.0

Zentraler Ausgangspunkt ist das Wissen. Hier beschrieben als verbalisierbare Kenntnisse und handelndes Können. Gesteuert und kontrolliert wird dieses Wissen von den drei Systemen Selbst, Metakognition und Kognition. Das Selbstsystem umfasst die Überzeugungen, eigenen Ziele sowie Volition und Motivation. Die Metakognition zeichnet sich für die Steuerung, Kontrolle, Planung Festlegung der konkreten Zielsetzung verantwortlich. Die Kognition sorgt für das Abrufen, das Verstehen, die Analyse und die Nutzung von Wissen.
Damit Wissen entstehen und durch die Wechselwirkung von Wissen und den drei Kontroll- und Steuerungssystemen nutzbar gemacht werden kann, muss es durch Informationsverarbeitung im Gedächtnis generiert werden (siehe Wissensrepräsentationen und bspw. das Modell des Arbeitsgedächtnis nach Baddeley oder das Modell der guten Informationsverarbeitung nach Pressley et al.).
Gelingt es handelnden Personen ihre mentale Funktion Aufmerksamkeit optimal zu nutzen, können Leistungen sichtbar werden anhand von erfolgten schulischen oder alltäglichen Tätigkeiten. Handeln im Sinne eines selbstständigen Lebens ist demnach eine komplexe Leistung, die unter anderem auf Selbstorganisation und Umgang mit Anforderungen beruht. Automatisierte Abläufe und abgespeicherte Handlungsmuster öffnen wieder Kapazitäten die Aufmerksamkeit auf neue Ziele und Leistungsergebnisse zu richten.


Literatur

Anderson, J.R. (2013). Kognitive Psychologie. 7., erweiterte und überarbeitete, neu gestaltete Auflage. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag.

Hattie, John (2014). Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. Herausgegeben von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer. Baltmannsweiler: Schneider.

Kuhl, J., Euker, N. (2016). Evidenzbasierte Diagnostik und Förderung von Kindern und Jugendlichen mit intellektueller Beeinträchtigung. Bern: Hogrefe Verlag.

Munde, V., (2016). Lasst uns Wellenreiten gehen! Aufmerksamkeit bei Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf. In: Teilhabe, 1/2016, S. 4-8.

Pitsch, H-J. & Limbach-Reich, A. (2019). Lernen und Gedächtnis bei Schülern mit kognitiver Behinderung. Stuttgart: Kohlhammer .

Schick, H. (2012). Entwicklungspsychologie der Kindheit und Jugend. Ein Lehrbuch für Lehrerausbildung und schulische Praxis. Stuttgart: Kohlhammer.

Trolldenier, H.-P., Lenhard, W., Marx, P. (Hrsg.)(2010). Brennpunkte der Gedächtnisforschung. Entwicklungs- und pädagogisch-psychologische Perspektiven. Göttingen: Hogrefe.


Layout und Gestaltung: Christian Albrecht, Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) Baden-Württemberg

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